Die Leichtigkeit des Hasses

Die Leichtigkeit des Hasses
Etwas Denk & Kunst Stoff gefällig

Was macht den Hass eigentlich so leicht? Was macht es so leicht, zu hassen? Um dazu einen Aspekt herauszugreifen, sei auf ein sozialpsychologisches Experiment verwiesen. In dessen Rahmen fand sich eine Gruppe zusammen, der ein bestimmtes Projekt vorgestellt wurde. Die Gruppe wurde daraufhin in zwei kleinere Gruppen geteilt. Die eine bekam die Aufgabe, das vorgestellte Projekt runterzumachen und Hasskommentare dazu abzusetzen. Die zweite sollte es wiederum bewerben und konstruktiv verteidigen. Was sich nun zeigte, war folgendes: Die Hassbeauftragten befeuerten sich gegenseitig und genossen es alsbald, „ihrem Unmut“ freien Auslauf zu  lassen. Unter ihnen machte sich eine „richtig gute Stimmung“ breit, wie sie selber dann später betonten. Die Verteidiger hingegen bemühten sich redlich. Mit ihren Argumenten und durchdachten Bemühungen kamen sie gegen die frei drauflos Werkenden über kurz oder lang aber nicht an. Sie wurden ratlos. Die Folge war, dass sie allmählich in eine Stimmung der Depression und Lähmung verfielen.

Einige Dinge scheinen schon klar zu sein: Es ist schwerer, einen Plan für ein tragfähiges Bauwerk zu berechnen und zu entwerfen, als einen solchen zu zerreißen. Wie es auch schwerer ist, ein Gebäude zu errichten, als ein solches niederzureißen. Man kann mithin gut sagen: Miesmacher haben es „von Haus aus“ leichter als Macher. Miesmacher müssen gewissermaßen nur Kotzen. Macher hingegen müssen etwas erarbeiten. Sobald alles vollgekotzt ist, kommt schließlich noch dazu, dass an Zugekotztes nicht mehr geglaubt wird. Daran will man nicht mehr anstreifen. Geschweige denn daran arbeiten. Man könnte insgesamt von einem „Konstruktivitätsgefälle“ sprechen. Und je nach Situation bietet es als solches dann eine bessere Grundlage für gegenseitige soziale Bestärkung.

Das Konstruktivitätsgefälle ist aber bloß ein Faktor im Rahmen einer sehr komplexen Thematik. Man kann –  und muss – das Phänomen Hass noch von etlichen anderen Richtungen her in Frage stellen. Einige davon seien kurz angerissen:

  • Was macht einen Hass eigentlich so „verdammt liebenswert“? Was ist denn derart „motivierend“ an ihm?
  • Was köchelt in einem jeweiligen Suppentopf des Ressentiments so herum? Was sind individuelle Eigen-, was sind Fremdquellen? Was sind die jeweiligen Ingredienzien einer Willigkeit, die lüstern auf einen Anstoß wartet?
  • Woher bezieht ein Hass den Fluch seiner „unabdingbaren“ Evidenz? (In einem Hass ist jedenfalls kaum einmal Platz für irgendwelche Zweifel.)
  • Welche Rollen spielen Fakten, welche bloße Annahmen?
  • Gibt es auch so etwas wie einen gerechten Hass? (Nämlich so verstanden, wie es etwa auch die Rede von einem „gerechten Zorn“ gibt. So gut wie jeder von uns kennt wohl Situationen, in denen einem dieses oder jenes einfach verhasst ist. Und nur Menschen von entsprechender Größe gelingt es, davon Abstand zu nehmen. Oder zu halten. Ebenso lässt offensichtliche Ungerechtigkeit in aller Regel erzürnen. Das wurde jüngst auch bei Tieren festgestellt.)

Genauer betrachtet scheint sich auch nahezulegen, verschiedene Formen von Hass in den Blick zu nehmen und zu unterscheiden. Im Deutschen fehlt dazu ein entsprechender Sprachgebrauch. Eine Mehrzahl von Hass – Hasse – findet sich im Wörterbuch nicht verzeichnet. Sicherlich decken verwandte Worte wie Unmut oder Zorn einiges an verwandten Phänomenen ab. In jedem Fall wäre es aber überaus interessant, über Gemeinsamkeiten und Unterschiede diverser Hasse eine genauere Untersuchung anzustellen. (Womöglich gibt es entsprechende Arbeiten – versteckt in irgendwelchen Bibliotheken – aber auch schon.) Man könnte damit besser nachvollziehen, was einen Hass „von rechts“ von einem solchen „von links“, und dann wiederum von einem solchen religiöser Prägung, oder wieder einem ganz und gar privaten Hass unterscheidet. Und was sie demgegenüber alle miteinander womöglich auch wieder verbindet.

In jedem Fall ist entscheidend, wie mit einem Hass umgegangen wird. Wie man es mit derart vehementen oder giftig gärenden Gefühlen hält. Für die Gesellschaft bleibt zu sagen: Wenn man sich von Extremismen anstecken  und auseinander dividieren lässt – so viel negative Utopie muss sein -, vermögen sie letztlich das Land zu prägen. Ihr ungeschriebenes Effektprogramm mit Namen „Möglichst alle gegen alle“ verrücken sie damit in Richtung Umsetzung. In Anlehnung an die Sprache der Feuerwehr wäre im schlimmsten Fall dann zu sagen: „Land unter“. Will man den Extremismen das Wasser aber langfristig wirklich abgraben, darf man sich nicht auseinanderdividieren lassen. Aus Sicht der Organisiertheit einer Gesellschaft ist vielmehr zu fordern, dass ernstzunehmende Institutionen  zusammenkommen und mit Vernunft – gemeinsam – ihre Stärke(n) zeigen müssen. (Ob es sich um Parteien handelt, um religiöse Gemeinschaften, um staatliche Einrichtungen oder so manche andere mehr.) Es muss allen Formen des Hasses möglichst schwer gemacht werden.