Gedachte Aufgaben. Und tatsächliche.

Gedachte Aufgaben. Und tatsächliche.
Etwas Denk & Kunst Stoff gefällig

Manchmal erweisen sich Dinge als einfacher, als man zunächst gedacht hat. Gott sei Dank. Nicht so selten verhält es sich aber gerade auch umgekehrt. Und Herausforderungen zeigen sich als subtiler und komplexer, sobald man unmittelbar mit ihnen zu tun hat. Mitunter deutlich.

Ein Land mit – angenommen – zehn Millionen Einwohnern verfügt bekanntermaßen auch über ebenso viele Teamchefs. Teamchefs der jeweiligen Fußballnationalmannschaft. Freilich, wenn man es recht bedenkt, wird die tatsächliche Zahl etwas geringer ausfallen. Allein vom weiblichen Geschlecht werden Belange rund ums runde Leder, das mit Füßen getreten wird, ja wohl weniger oft zur Teamchefsache erklärt. Aber wie dem auch sei, man versteht die augenzwinkernde und intelligente Botschaft des Aphorismus: Dass viele außenstehende Beobachter nämlich bereits mit einer Hand voll Wahrnehmungen oder Deutungen darüber Bescheid wissen, wie es eigentlich ginge. Und was denn zu machen wäre. Und wenn man sie nur ließe, würde sie es wohl auch gleich allen zeigen. Einer solchen Person möchte man freilich noch gerne eine weitere Ironie ins Stammbuch schreiben: „Teamchef spielen ist nicht schwer. Teamchef sein schon etwas mehr.“

Man kann die betreffende Einsicht freilich noch auf ganz andere Bereiche ausdehnen. So könnte man etwa sagen, dass ein Land mit zehn Millionen Einwohnern auch über ebenso viele Staatschefs verfügt. Das Amt eines solchen präsentiert sich in seinen Anforderungen allerdings mit Gewissheit noch wesentlich komplexer als das eines Fußballtrainers.  Wenn man demgegenüber manche Menschen hört, die zu diversen politischen Belangen Stellung nehmen, scheint dies oft ganz anders wahrgenommen zu werden. Zahlreiche Befunde werden, so hat man den Eindruck, überaus leichtfertig erstellt. Ohne einschlägige Erfahrung. Ohne allzu großes Nachdenken. So als ob man alles damit Verbundene auch schon kennen und wissen würde.

Eine bekannte Journalistin hat in einem Interview vor kurzem einmal gesagt, dass sie nicht mehr über Lehrer und Lehrerinnen herziehen würde, seitdem sie selber an einer Fachhochschule unterrichte. Die Tätigkeit sei nämlich „megaanstrengend“. Und brauche unglaublich viel Energie. Dabei sei auf einer Fachhochschule noch eine vergleichsweise günstige Situation gegeben. Dort habe man es nämlich mit weitgehend erwachsenen Leuten zu tun, die den Unterricht aus freier Entscheidung besuchen.  Mit einem Haufen pubertierender Unfreiwilliger dürfte das wahrlich noch mal was anderes sein. In jedem Fall ist sie damit eine, die den Unterschied zwischen einer bloß gedachten Aufgabe und einer tatsächlichen aus höchst eigener Erfahrung erlebt hat. Man ist sogar geneigt, zu ergänzen, dass das, was engagierte Pädagogen leisten, über die Vorstellungen des durchschnittlichen Beobachters wahrscheinlich noch deutlich hinausgeht. Regelmäßig betreffen sie nämlich auch Dinge, die man für gewöhnlich den Verantwortungsbereichen anderer Seite – etwa der Familie – zudenkt.

Und um noch ein Beispiel von ganz anderer Baustelle und Windrichtung zu nennen: Von schwer Depressiven wissen wiederum knapp zehn Millionen Mitmenschen, dass sie sich bloß zusammenreißen müssen.

Nun denn.  Und wie dem allen auch immer sei. Es sind nur ein paar Beispiele aus einer unüberschaubaren Fülle. Sie sollten jedoch zu denken geben. Das würde zu mehr Bedachtsamkeit im Urteilen führen. Zu mehr Angemessenheit im Umgang beitragen.

Nichtsdestotrotz bleibt klar, dass es zum Um und Auf jeder Demokratie gehört, seine Erwartungen und Meinungen auch kundzutun. Spielaufstellungen, Politik, diverseste Praktiken oder Unterlassungen sind bei gegebener Notwendigkeit auch entsprechend zu kritisieren. Die Freiheit dazu muss immer gegeben sein. Ansonsten bewegt sich eine Gemeinschaft schnell in Richtung Diktatur. Aber Kirchen sollte man im Dorf belassen. Und Kinder in der Badewanne, in der sie gerade noch gewaschen worden sind. Nur das Abwasser sollte den Ausguss passieren. Es geht um das Was. Es geht aber genauso auch um das Wie. Es ist schon von Bedeutung, dass eine Kritik dem Kritisierten auch gerecht wird. So gerecht wie möglich, in jeden Fall.