No Root oder die Unfreuden des Landlebens

No Root oder die Unfreuden des Landlebens
Wien Insight

Gleich vorweg soll gesagt werden, ich bin ein Stadtkind und wirklich stolz darauf. Ich finde das Stadtleben hat so seine großen Vorteile. Zum Beispiel als ich es neulich noch trocken nach Hause geschafft habe, als das große Gewitter kam. Würde ich zum Beispiel in Großjedlersdorf wohnen, hätte ich da keine Chance.

Ich saß also auf der Couch, draußen tobte das Unwetter und ich dachte mir wieder einmal, was ich für ein Glück habe in der großen Stadt zu wohnen. Als ich mir zur Belohnung einen großen Gin Tonic einschenkte, fiel mein Blick auf meine Lieblingszeitschrift. Dort stand unter der dem Titel „Ich will raus“ eine ganze Artikelserie über das Leben am Land. Und weil mich Fremdes immer neugierig macht, schmökerte ich auch sofort rein.

In dieser Artikelserie ging es darum, dass es scheinbar immer mehr Städter aufs Land zieht. Und mit Land meinten die Autoren nicht die Gegend außerhalb des Gürtels sondern wirkliches Landleben, so ganz ohne U-Bahn und möglicherweise auch ohne Schuhgeschäfte.
Bitte mich nicht falsch zu verstehen, ich habe nichts gegen die Natur an sich und ich finde auch ein Wochenende bei meinen Freunden M. und S. im Südburgenland wirklich nett, aber ich bin auch ziemlich froh, dass ich mich am Sonntag wieder in die Stadt bewegen kann. Meine Freunde K. und O. sind stolze Besitzer eines Hauses im Weinviertel. Gut das kann ich mir auch noch vorstellen, aber auch da würde ich mich freuen, wenn ich nach dem einen oder anderem Tag wieder nach Wien zurück komme.

Besonders gespannt war ich auf die Interviews mit jenen Frauen, die eben jenen Weg aufs Land gewählt hatten. Eines war ihnen allen gemeinsam: Sie haben Kinder und jede einzelne argumentierte (unter anderem) auch damit, aufs Land gezogen zu sein, weil ihre Kinder/ihr Kind im Grünen aufwachsen sollte.

Und das ist das schlechteste Argument, das es gibt – oder hat sich keine der Damen überlegt, wie sich ihre Kinder/ihr Kind fühlen, wenn es erst einmal 16 ist und gerne ins Kino/Disco/Klub/WasAuchImmer gehen möchte und der letzte Bus nach Hause um 19 Uhr fährt?

Bitte mich erneut nicht falsch zu verstehen: Wenn jemand aufs Land ziehen mag, soll er/sie dies ruhig tun – aber bitte nicht wegen irgendwelcher Kinder, die sich nicht dagegen wehren können. Ich weiß, wovon ich rede: Meine Eltern schleppten mich in den Speckgürtel von Wien, als ich mich noch nicht wehren konnte. Und als ich größer wurde und abends fortgehen wollte, hatte ich die Wahl zwischen einem Stundenlangen Fußweg (Taxi konnte ich mir nicht leisten) oder um 21 Uhr das letzte öffentliche Verkehrsmittel zu besteigen. Und da wundert sich noch wer, wenn ich es mir nicht einmal vorstellen kann, nach Transdanubien zu ziehen?

Eure Renate